Bewegung muss Teil des Alltags werden
Aus KVNO aktuell - Letzte Änderung: 27.04.2026 00:00 Uhr
Sport und Bewegung sind ein wichtiger Teil der Therapie. Wie Motivation in der Praxis gelingen kann, erklärt Prof. Dr. med. Dr. Sportwiss. Christine Joisten.
Sie ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Sportmedizin und Ernährungsmedizin und Professorin an der Sporthochschule Köln. Sie leitet die Abteilung III – Bewegungs- und Gesundheitsförderung am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft.
Und "ganz nebenbei" ist sie die Präsidentin der DGSP und Vorsitzende des Sportärztebundes Nordrhein e.V.

© ANNE ORTHEN | KV Nordrhein
Frau Joisten, warum sind Sport und Bewegung bei Erkrankungen so wichtig?
Joisten: Heute wird Bewegung oft als Medikament bezeichnet. „Exercise is Medicine“ trifft es ganz gut. Es gibt kaum eine chronische Krankheit, die nicht von Bewegung profitiert.
Woran machen Sie das fest?
Joisten: Wir sehen positive Effekte bei der Blutdrucksenkung und beim Langzeitzucker. Bewegung hilft im onkologischen Bereich ebenso wie bei psychischen Erkrankungen, etwa bei Depressionen oder Ängsten, und auch im neurologischen Bereich, zum Beispiel bei Alzheimer. Dabei geht es nicht nur um einzelne Werte wie Blutdruck oder Fettstoffwechsel, sondern um das Gesamtpaket. Gerade in unserer immer älter werdenden Gesellschaft fördert Bewegung außerdem Teilhabe und soziales Miteinander – das wirkt Einsamkeit entgegen.
Wie viel Bewegung ist nötig, damit sie wirkt?
Joisten: Schon kleine Veränderungen machen einen Unterschied und darauf können wir Patientinnen und Patienten hinweisen. Fünf Minuten mehr Gehzeit senken die kardiovaskuläre Sterblichkeit um sieben Prozent, 1.000 zusätzliche Schritte die Gesamtsterblichkeit um 15 Prozent. Das klingt für viele Patienten machbarer als die empfohlenen 150 bis 300 Minuten Bewegung pro Woche. Grundsätzlich gilt aber: Je mehr man sich bewegt, desto besser. Schon diese 500 Schritte mehr – also etwa fünf Minuten Gehen – sind ein guter Anfang und leicht in den Alltag integrierbar. Ganz aktuell konnte sogar gezeigt werden, dass täglich fünf Minuten mehr moderate körperliche Aktivität das Sterberisiko senkt.
Nützen Sport und Bewegung tatsächlich immer?
Joisten: Letztlich ja, und auch, wenn der Effekt im Einzelnen vielleicht gar nicht so groß ist: eine Blutdrucksenkung von etwa 5 mmHg oder eine Steigerung des HDL-Cholesterins um 10 bis 15 Prozent. Aber als Gesamtpaket betrachtet, summieren sich diese Effekte. Und daher gibt es eigentlich auch keinen Grund, nicht Sport zu treiben, es sei denn, man hat irgendwas Akutes, zum Beispiel einen fieberhaften Infekt oder eine Verschlechterung einer Grunderkrankung. Zusätzlich gilt: Jede mögliche Krankheit muss zunächst vernünftig eingestellt sein.
Wie gelingt es Menschen, aktiver zu werden?
Joisten: Viele Ärztinnen und Ärzte sprechen Bewegungsempfehlungen aus. Dass aber schon kleine Schritte helfen, ist oft nicht bekannt. Hier können wir wertschätzender beraten und konkret nachfragen: Kommen Sie einfacher die Treppe hoch? Fällt die Hausarbeit leichter? Wird die Gehstrecke länger? So verbinden wir messbare Fortschritte mit positiven Gefühlen. Viele Patientinnen und Patienten glauben nämlich, sie schaffen das sowieso nicht – und fangen deshalb gar nicht erst an. Es ist daher gut, wenn wir in der Praxis mit kleinen, machbaren Schritten und Zielen starten.
Welche Rolle spielen kurze Bewegungseinheiten im Alltag?
Joisten: Eine große. „Exercise-Snacks“, also kleine, kurze Einheiten, sind gerade sehr beliebt. Man kann zum Beispiel 1.000 Schritte einfach etwas schneller gehen – in sechs statt in zehn Minuten. Dann liegt man im moderat-intensiven Bereich, so kann man sich sukzessive an die empfohlenen Zielwerte herantasten. Wichtig ist vor allem, überhaupt anzufangen. Das entlastet auch die Beratung.
Was tun, wenn in der Praxis wenig Zeit für Beratung bleibt?
Joisten: Das hören wir häufig. Dann können zum Beispiel medizinische Fachangestellte unterstützen und auf Sport- und Bewegungsangebote in der Nähe hinweisen, etwa über die Bewegungslandkarten des Deutschen Olympischen Sportbundes. Auch Flyer oder Informationsmaterial können die Tür zum Sport im Wohnumfeld öffnen. Und natürlich kann auch das Rezept für Bewegung eingesetzt werden. Damit können Patientinnen und Patienten in Bewegungsangebote verwiesen werden und es hat einen offizielleren Charakter.
Worauf kommt es langfristig an?
Joisten: Entscheidend sind Routinen. Bewegung muss Teil des Alltags werden. Ich empfehle, stufenweise vorzugehen: Was kann ich mir vorstellen? Was habe ich früher gern gemacht? Wenn jemand gar keine Idee hat, helfen einfache Dinge wie Schrittezählen oder Treppensteigen, das ist im Grunde schon ein effektives Ganzkörpertraining. Auch Tanzen macht den meisten Menschen Spaß. Wichtig ist, sich langsam daran zu gewöhnen und es zur eigenen Routine zu machen.
Gibt es trotzdem feste Zielwerte?
Joisten: Ja, die gibt es. Langfristig empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation 150 bis 300 Minuten an moderater Bewegung pro Woche plus Krafttraining mindestens zweimal wöchentlich. Ältere Menschen sollten zusätzlich Gleichgewichtsübungen machen. Das ist die Zieldosis für die Fitness.
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